Coaching für die Anpfiff-Trainer

15.11.2022

Die Trainertätigkeit birgt vielfältige Herausforderungen: „Das Training auf dem Platz ist nur eine von vielen Aufgaben.“

Dass die Anforderungen an Trainer gestiegen sind, weiß auch Matthias Born (l.). Gemeinsam mit Hannes Heist (m.) und Markus Gaber (r.) koordiniert er den Bereich Sport bei Anpfiff ins Leben.

Der Trainingsumfang ist im Vergleich zu früher gestiegen; 3-4 mal Training in der Woche ist für viele Jugendliche normal.

Auch die Erwartungshaltung hat sich verändert: Ein Trainer ist auch als Pädagoge gefragt. Die Ansprache muss kindgerecht sein...

... und die Trainingsinhalte müssen zur jeweiligen Altersstufe passen.

Als Mentor steht Jiri Jung von Anpfiff ins Leben den Trainern mit Rat und Tat zur Seite und bereitet sie auf die Herausforderungen auf und neben dem Platz vor.

Der Trainermentor weiß, dass es nicht mehr nur um den Fußball geht, sondern um Ganzheitlichkeit. „Der Trainer ist auch Vorbild.“

Die professionelle und nachhaltige Arbeit mit jungen Menschen birgt große Herausforderungen für die zumeist jungen Trainerinnen und Trainer. Der hohe zeitliche Aufwand, die große Verantwortung und die vielfältigen inhaltlichen sowie organisatorischen Themen, die während einer Saison anfallen, verlangen viel von ihnen ab. Hinzu kommen die Anforderungen, die die Trainertätigkeit bei einem Anpfiff ins Leben-Partnerverein mit sich bringt: die Elternabende, die Trainersitzungen und -fortbildungen, der Erwerb von Lizenzen oder die Durchführung von Bildungsangeboten und sozialen Projekten. Anpfiff ins Leben unterstützt die Trainer der Partnervereine auf verschiedenen Wegen dabei, den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden – und dabei den Spaß an der Aufgabe zu behalten.

Die Saison ist erst wenige Monate alt. Dennoch haben bereits einige Clubs die Konsequenz aus ihrem schlechten Auftakt gezogen und in einer nur allzu bekannten Art und Weise reagiert: Sie haben ihren Trainer entlassen. Vor dieser Maßnahme sind auch hoch dekorierte Trainer, die noch vor kurzem große Erfolge feierten, nicht gefeit. Sie ist im Profifußball so alltäglich, dass man darauf wetten kann, welcher Trainer als nächstes seinen Job verliert.

Anders ist die Situation für Trainer im Jugend- oder Amateurbereich. Diese genießen eine Jobsicherheit, wie sie nur wenige Berufsgruppen kennen. Ganz einfach, weil es oftmals keinen Ersatz gibt. Sportvereine im Breitensport sind froh über jeden, der sich bereit erklärt, eine Mannschaft zu trainieren. So wie Fabian Stassek. Er ist seit zehn Jahren Jugendtrainer beim FC Speyer 09, einem der Partnervereine von Anpfiff ins Leben. Dabei ist er erst 26 Jahre alt. Er spielte in der B-Jugend, als er sein erstes Traineramt übernahm. Damals bei der D-Jugend, also 11- bis 13-Jährigen. Die Furcht eines Profitrainers, dass das nächste Spiel das letzte sein könnte, kennt er nicht. Ganz im Gegenteil. Der Verein war froh, als er sich bereit erklärte, noch ein zweites Amt zu übernehmen. Heute ist Fabian Trainer der U16 und Co-Trainer der U14. Warum er den zusätzlichen Aufwand auf sich nahm? Aus demselben Grund, warum er als 16-Jähriger zum Trainer wurde: „Der Bedarf war da.“ Es werden Trainer und Betreuer gesucht, damals wie heute.

Der sichere Sitz im Sattel ist offenbar nicht genug, um ausreichend Fußballer für das Amt des Jugendtrainers zu begeistern. Das dürfte vor allem am enormen Aufwand liegen, der betrieben werden muss, um eine Mannschaft angemessen zu betreuen. „Ich glaube, viele wären über den Zeitaufwand überrascht, der für die ganze Organisation drumherum nötig ist“, sagt Fabian. „Die eineinhalb Stunden, die wir mit den Jungs auf dem Platz stehen, sind die einfachsten und schönsten. Aber wenn wir unsere Arbeit gut machen wollen, müssen wir die Trainingseinheiten vorbereiten. Wichtige Spiele schaue ich mir auch noch einmal an, um Fehler zu analysieren und die Mannschaft zu verbessern. Das kostet alles viel Zeit.“ Hinzu kommen Elternabende und Einzelgespräche. Und nicht zuletzt die unliebsamsten Aufgaben: Spielberichte ausfüllen, sich um die Wäsche der Trikots kümmern, Auswärtsfahrten organisieren. „Über diese ganzen Aufgaben war ich anfangs auch überrascht, das nimmt man als Spieler nicht wahr“, erinnert sich Fabian.

Dass der Anspruch an einen Jugendtrainer deutlich gestiegen ist, bestätigt auch Matthias Born. Er war nach seiner aktiven Karriere Leiter des Hoffenheimer Nachwuchsleistungszentrums, heute ist er Trainer des FC-Astoria Walldorf und bei Anpfiff ins Leben für die sportliche Förderung verantwortlich. „Der Jugendfußball hat sich in den letzten 20 Jahren extrem professionalisiert. Früher haben auch sehr ambitionierte Mannschaften nur zwei Mal die Woche trainiert, die restlichen Tage wurde privat auf dem Bolzplatz gekickt. Heute findet das alles strukturiert im Verein statt, drei bis vier Mal Training pro Woche ist für viele Jugendliche Standard.“ Grund dafür sei auch eine rasante Entwicklung in der Infrastruktur und der Platzqualität. Viele Vereine haben inzwischen gute Kunstrasenplätze, auf denen sie mehr Trainingseinheiten anbieten können. Dass das Training ausfällt, weil der Rasen zu nass ist, kennen viele Jugendliche gar nicht mehr.

Doch nicht nur der Umfang des Trainings ist gestiegen, auch die Erwartungshaltung hat sich verändert. „Damals wurde Erwachsenentraining mit den Kindern gemacht“, sagt Born. „Das geht heute nicht mehr. Ein Trainer ist auch als Pädagoge gefragt. Die Ansprache muss kindgerecht sein und der Trainingsinhalt zur jeweiligen Altersstufe passen. Das erwarten nicht nur wir von unseren Trainern, sondern natürlich auch die Eltern.“ Diese Erwartungshaltung kennt Fabian Stassek nur zu gut. Er ist nicht nur Trainer, sondern inzwischen auch Lehrer. Viele Eltern sind heutzutage deutlich involvierter, wenn es um die Betreuung ihrer Kinder geht — egal ob in der Schule oder im Verein. Das ist grundsätzlich sicher eine positive Entwicklung. Für den Trainer kann es aber auch eine zusätzliche Belastung bedeuten. „Fußballwissen ist heute ganz einfach verfügbar. Deshalb halten sich viele für Experten, auch wenn sie selbst noch nie eine Mannschaft betreut, geschweige denn eine Trainerlizenz haben“, sagt Born. „Wir sehen es als unsere Aufgabe, unsere Trainer im Zweifelsfall vor übermotivierten Eltern zu schützen.“

Anpfiff ins Leben hat zu diesem Zweck Spielregeln aufgestellt. Nicht nur für die eigenen Trainer und Spieler, sondern eben auch für Eltern. Es wird Engagement erwartet, aber auch Vertrauen in die Arbeit der Trainer und Respekt vor dessen Autorität. Anweisungen vom Spielfeldrand gehören nicht zur Aufgabe der Eltern. Fabian hat nach zehn Jahren als Trainer kaum negative Erlebnisse zu berichten: „Klar gibt es sehr ehrgeizige Eltern, die reinrufen und Nervosität reinbringen. Aber da haben wir zum Glück Unterstützung von unserem Jugendkoordinator, der rechtzeitig gegensteuert und ihnen die Grenzen aufzeigt.“ Und falls es doch mal zu einem schwierigen Elterngespräch kommen sollte, ist er vorbereitet: „Wir wurden anhand von Fallbeispielen auf solche Situationen vorbereitet. Uns wurden Videoclips gezeigt, in denen Elterntypen simuliert werden, die uns auf unterschiedliche Weise beeinflussen wollten. Wir mussten dann im Moment darauf reagieren. Das war eine super Vorbereitung.“

Überhaupt versucht Anpfiff ins Leben, den Trainern so gut es geht zur Seite zu stehen. Dazu gehört nicht nur die gute Infrastruktur, die zur Verfügung gestellt wird, oder die Hilfe bei der Organisation des Spielbetriebs, sondern auch die Vorbereitung auf Herausforderungen auf und neben dem Platz. Jiri Jung ist als Trainermentor für alle Trainer im Grundlagenbereich (bis zur U14) zuständig. „Wir haben genug Materialien für Neueinsteiger, damit sie ohne großes Vorwissen ein gutes Training organisieren können,“ sagt Jung. Zur Ausstattung eines Anpfiff-Trainers gehört etwa der 110-seitige Jugendleitfaden, der Trainingsinhalte für alle Altersklassen beinhaltet. „Aber uns geht es nicht nur um den Fußball“, sagt Jung. „Wir wollen die Kinder und Jugendlichen ganzheitlich vorbereiten. Das ist auch der Job unserer Trainer. Ich sage ihnen immer: Du bist kein Erzieher, aber du bist ein Vorbild.“

Die größte Herausforderung für junge Trainer sieht Jung in der Organisation der Gruppe. Anfangs sind einige Neueinsteiger damit überfordert, Ruhe und Ordnung in eine Truppe aus 15 bis 20 Kindern zu bekommen. „Es gibt Mannschaften, die ihrem Trainer auf dem Kopf herumtanzen“, sagt er. „Aber dass eine Mannschaft untrainierbar ist, gibt es nicht. Es liegt alles in der Macht des Trainers.“ Um Trainern zu helfen, organisiert Anpfiff ins Leben nicht nur Fortbildungen zu fußballspezifischen Themen, sondern auch zur Pädagogik. Sportpsychologie steht ebenso auf dem Programm wie der Umgang mit kultureller Vielfalt oder Konfliktsituationen. Jung steht den Trainern aber auch auf dem Platz zur Seite. „Kinder werden oft unterschätzt“, sagt er. Deshalb appelliert er auch an ihren Verstand. „Wenn ich Kinder frage, warum sie hier sind, dann sagen sie, dass sie Spaß haben wollen. Wenn ich sie dann frage, warum ich wohl hier bin, dann heißt es, dass ich ja ihr Trainer bin. Wenn ich dann aber sage, dass ich auch Spaß haben will und dass ich keinen Spaß habe, wenn sie nicht zuhören, dann verstehen sie das.“

Auch Fabian hat die Erfahrung gemacht, dass unterschiedliche Altersklassen unterschiedlich angesprochen werden müssen. „In der D-Jugend kaufen die Jungs dir noch alles ab“, sagt er, „aber dann wollen sie immer mehr mitgenommen werden. Die Spieler wollen verstehen, warum ich eine bestimmte Taktik oder Aufstellung wähle oder warum sie nicht zum Einsatz kommen.“ Von allen Seiten gibt es also eine große Erwartungshaltung an den Trainer. Doch Fabian macht genau diese Arbeit mit den Jungs am meisten Spaß. „Besonders in Erinnerung bleiben mir Mannschaftsfahrten und Trainingslager - und natürlich die sportlichen Erfolge. In diesen Momenten hat man einen sehr engen Kontakt zu den Spielern. Solche Erlebnisse schweißen zusammen, die vergisst man nicht.“ Diese Momente sind für Fabian und für viele weitere Jugendtrainer die Belohnung für den großen Aufwand, den sie im Ehrenamt betreiben. Und weil die Vereine wissen, was sie an ihren engagierten Jugendtrainern haben, können sie sich auch in sportlich mauen Zeiten auf das nächste Erfolgserlebnis freuen. Ganz ohne die Furcht, nach der nächsten Niederlage vor der Tür zu sitzen.