Deutscher Amputierten-Fußball meets FC Union Heilbronn

Erstellt von Christopher Benz 28.06.2021

Spaziergänger, die am Samstag in Sinsheim an der Elsenz entlangliefen, dachten, es würde ein Fußballtraining stattfinden, wie sonst überall auch. Nur wer kurz stehenblieb und etwas genauer hinsah, konnte erkennen, dass auf der einen Seite Amputierten-Fußballer und auf der anderen Seite eine Jugendmannschaft miteinander trainierten. Im Zuge des Lehrgangs für die Europameisterschaft im September im polnischen Krakau absolvierte die Deutsche Amputierten-Fußball-Nationalmannschaft in Zusammenarbeit mit Anpfiff ins Leben ein ausgiebiges Trainingslager über das Wochenende in Sinsheim und begrüßte am Samstag die U15 des FC Union Heilbronn für zwei gemeinsame Einheiten. Das ist Zusammenführung zweier Anpfiff-Förderbereiche (Jugendsportförderung und Bewegungsförderung für Amputierte) par excellence.

„Am Anfang habe ich mich noch nicht getraut, richtig zur Sache zu gehen“, erzählte der 13-jährige Tim aus Heilbronn, der später aber wie seine Teamkollegen recht schnell die anfängliche Scheu ablegte. „Mit der Zeit wurde es immer intensiver und die Zweikämpfe deutlich verbissener geführt. Ich fand es sehr schön zu sehen, wie positiv die Amputierten-Fußballer mit ihrem Handicap umgehen und voller Freude kicken.“

Auf zwei Feldern mit E-Jugend-Toren standen die Nachwuchstalente als Sparringspartner zur Verfügung. „Unsere C-Jugend soll die Nationalmannschaft mit bestimmten taktischen Vorgaben fordern, um spielnahe Situationen, wie sie bei Europameisterschaft zu erwarten sind, zu simulieren“, erläuterte Martin Lanig, Projektkoordinator von Anpfiff ins Leben Heilbronn. Sein Kollege Dominik Hager war ebenfalls vor Ort und sah in dem Trainingstag einen weiteren Schritt zurück zur Normalität: „Wir haben bei uns in Heilbronn trotz Corona-Pause einen Zuwachs an Kindern bekommen, die kicken möchten. Das freut uns und stimmt uns gleichermaßen positiv für die Zukunft.“ Das Team des FC Union machte sich am Samstagmorgen mit 20 Fußballern auf den Weg nach Sinsheim. Mit dabei war auch die hochtalentierte Jule als einziges Mädchen. „Sie ist technisch superstark“, so Lanig, der als langjähriger Bundesliga-Fußballer und zentraler Mittelfeldspieler ein geschultes Auge hat, wenn es darum geht, die Fähigkeiten des Nachwuchses zu beurteilen.

Zwei Anpfiff-Förderbereiche vereint

Zu Beginn des gemeinsamen Trainingstages begrüßte Nationaltrainer Claus Bender die Heilbronner und seine Schützlinge. Der eloquente Übungsleiter nahm den Jugendlichen dank seiner direkten Art schnell die Berührungsängste. Danach wärmten sich beide Teams ausgiebig auf, ehe es in die beiden Spielfelder ging. Bender gab seiner Mannschaft einen klaren Plan in die Hand: In der Vormittagseinheit stand die gezielte Arbeit gegen den Ball und nachmittags das Spiel mit dem Ball auf dem Programm. „Für mich hat es sich angefühlt wie beispielsweise gegen Russland zu spielen“, veranschaulichte Nationalspieler Christian Heintz. Der Projektleiter Amputierten-Fußball im Verein bei Anpfiff führt weiter aus: „Da die Russen so stark sind, hat man gegen sie immer das Gefühl, es mit Nicht-Amputierten zu tun zu bekommen.“

Während des Trainingsspielchens rief Bender seine Schützlinge häufig für kurze Auszeiten zusammen, um ihnen angepasste Taktikvorgaben an die Hand zu geben. Damit eine möglichst große Wettkampfnähe hergestellt wurde, durften die Heilbronner den Ball immer nur mit einem ausgewählten Fuß berühren. Kaum wurde das Spiel immer wieder angepfiffen, ging es hochintensiv zur Sache. Nicht nur Bender von außen, sondern auch seine Akteure auf dem Platz gaben sich pausenlos und lautstark Kommandos und zeigten Fußball auf einem hohen taktischen Niveau. Für die U15 war das eine große Herausforderung und nicht selten wurde sie überrascht und musste dabei bittere Gegentreffer schlucken. Als interessierte Beobachter schauten Dietmar Pfähler, 1. Vorsitzender von Anpfiff, seine Frau und der Familienhund auf dem Sinsheimer Kunstrasenplatz vorbei. Er sagte: „Ich finde es unheimlich schön, solche Veranstaltungen in der Anpfiff-Familie durchzuführen. Wenn ich das sehe, geht mir das Herz auf.“

Fokus auf die Amputierten-Fußball-EM

Stefan Schmidt ist einer der ehrgeizigen Nationalspieler und gleichzeitigt ein Paradebeispiel für jeden, den ein Schicksalsschlag wie eine Amputation trifft und der danach nicht weiß, wie es weitergehen soll. „Ich habe nach meiner Amputation schnell angefangen und mir einfach mit einem Ball im Garten die ersten technischen Fertigkeiten quasi selbst beigebracht. Das hat sofort großen Spaß gemacht und dann war es auch gar nicht so schwer, mich umzustellen, da ich vorher Rechtsfuß war, jetzt aber auf mein linkes Bein angewiesen bin“, berichtete Schmidt von seinen eigenen Anfängen. Bis zur EM herrscht großer Konkurrenzkampf im Auswahlkader. Nur zwölf Spieler darf selbiger für Krakau umfassen, am Wochenende waren 17 mit dabei. „Wir sind froh um den Konkurrenzkampf, das macht uns besser“, weiß Heintz, dass die Gesamtleistung der Mannschaft davon nur profitieren kann. Die zwölf Auserwählten dürfen sich zusammen mit ihrem Trainerteam, zu dem zusätzlich Rudi Sonnenbichler und Torwarttrainer Markus Junker gehören, vom 12. bis 19. September in Krakau beweisen.

Die bereits erwähnten Russen gehören zum engen Favoritenkreis der EM. „England und die Türkei haben ebenfalls das Zeug, das Turnier zu gewinnen“, zählte Bender im Frage-und-Antwort-Spiel mit den Heilbronner Fußballern auf. Der Nationaltrainer beantworte im Kreis der U15 deren Fragen rund um die Besonderheiten des Amputierten-Fußballs. Und zu beantworten gab es einiges. Jule, Toni und Co. löcherten Bender regelrecht mit ihren Fragen. Im Anschluss fragte er, wer denn gerne probieren möchte, mit Krücken zu kicken und sofort schossen die Hände von allen in die Höhe. Bevor sie es versuchten, warnte sie Bender aber augenzwinkernd vor den anstrengenden Bewegungsabläufen: „Als Amputierten-Fußballer braucht man eine sehr ausgeprägte Schultermuskulatur. Das werdet ihr aber gleich selbst merken.“ Also stellten Heintz, Schmidt und ihre Kollegen ihre Krücken auf die Größen der Kicker ein und durften angesichts deren erster Versuche beim Amputierten-Fußball ihrerseits ein wenig schmunzeln.