Interview mit Sportpsychologin Katrin Schäfer

Erstellt von Anpfiff ins Leben 16.03.2021

Katrin Schäfer: Sportpsychologin | ehemalige Leistungsruderin | macht seit Corona täglich Yoga | Vorliebe für Rockmusik | reisefreudig

Anpfiff ins Leben: Seit November sind Schulen und Sportstätten geschlossen, Kinder und Jugendliche müssen ihre Kontakte einschränken, vermissen ihre vertrauten Strukturen. Wie schätzen Sie die Belastungen ein, mit denen Heranwachsende derzeit klarkommen müssen?

Katrin Schäfer: Die Corona Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen sind für uns alle eine Herausforderung. Kinder und Jugendliche sind insofern besonders davon betroffen, dass gerade bei jüngeren das Verständnis und der Überblick fehlen und zudem die Ressourcen, mit Krisen umzugehen, sicherlich erst noch wachsen. Es ist ein tiefer Einschnitt in die Normalität: Man kann Freunde, Bekannte, Verwandte nur sehr eingeschränkt sehen, der Schulalltag und vor allem die gewohnten Hobbys fehlen. Viele Jugendliche meistern die aktuelle Lage wirklich gut, was jedoch nicht die Regel ist. So oder so sprechen wir von einem Zustand, der nicht sonderlich lange anhalten sollte.

Anpfiff ins Leben: Gibt es bei Anpfiff ins Leben Möglichkeiten für die betreuten Kinder und Jugendlichen, mit ihren Fragen, Sorgen und Nöten Gehör zu finden?

Katrin Schäfer: Bei den Mannschaften, mit denen ich arbeite, ist bekannt, dass ich für solche Themen zur Verfügung stehe. Derzeit finden regelmäßig virtuelle Meetings mit den Mannschaften und dem jeweiligen Trainerteam statt. Es gibt wöchentliche Trainingspläne die eigenständig durchgeführt werden oder auch spielerische Challenges. Die Trainer sind im Austausch mit den Jugendlichen und können bei möglichen Sorgen und Nöten hinhören oder auch an mich weitervermitteln.

Anpfiff ins Leben: Worauf wird es ankommen, wenn Vereine wieder Jugendsport anbieten und die Anpfiff-Zentren ihre Räumlichkeiten wieder öffnen können? Werden die Erfahrungen aus dieser Zeit thematisiert oder analysiert?

Katrin Schäfer: Wir hoffen alle, dass der normale Trainingsbetrieb bald wieder möglich ist. Vermutlich werden zunächst Kleingruppen im Freien erlaubt sein. In erster Linie sollten da die Freude am Sport und dem Wiedersehen, der Spaß mit den Teamkollegen und der Sport an sich im Vordergrund stehen. Dann kann auch die vergangene Zeit thematisiert werden mit dem Ziel, die Ressourcen und Stärken herauszuarbeiten, die den Jugendlichen durch diese Zeit geholfen haben.

Anpfiff ins Leben: Was können Sie den Jugendlichen konkret an die Hand geben, um zuversichtlich zu bleiben und ihre Selbstwirksamkeit zu nutzen?

Katrin Schäfer: Da ich vorhin von fehlender Struktur sprach: Wichtig ist in dieser Zeit in erster Linie, eigenständig eine gewisse Tagesstruktur beizubehalten. Dazu gehören ähnliche und ausreichende Schlafens- und Ruhezeiten, regelmäßige Mahlzeiten sowie neben dem Home-Schooling auch Zeit am Nachmittag für den Sport und das soziale Umfeld. Zum Beispiel kann man sich in der Zeit alleine oder mit einem Teamkollegen sportlich betätigen: eine Runde laufen, Kraft-, Stabi- oder Dehnübungen machen, sportartspezifische Übungen mit und ohne Ball üben oder auch einfach nur eine Runde an die frische Luft gehen oder Fahrradfahren. Wichtig ist, dass man etwas tut. Ebenso gehört dazu, den Kontakt zu Freunden und wichtigen Bezugspersonen außerhalb des eigenen Haushalts per Telefon oder Video zu halten, wenn ein persönliches Treffen im Rahmen der Maßnahmen nicht möglich ist. Darüber hinaus gibt es sportpsychologische Trainingstechniken, wie unter anderem das mentale und Visualisierungstraining, durch die man die sportartspezifischen Fertigkeiten zusätzlich auch zuhause und ohne Ausrüstung trainieren kann. Schließlich kann eine lösungs- und ressourcenorientierte Denkweise dabei helfen, zuversichtlich zu bleiben. Also den Fokus auf das zu legen, was ich selbst kontrollieren und verändern kann sowie aus bereits überwundenen Hindernissen Kraft zu schöpfen.

Anpfiff ins Leben: Bietet ein fester Platz in einem Förderumfeld wie Anpfiff ins Leben mit vielen pädagogisch geschulten Mitarbeitern und der positiven Wirkung des Sports eine besondere Chance, gemeinsam aus der Krise zu lernen und wieder neue Möglichkeiten zu tanken?

Katrin Schäfer: Ein fester Platz in solch einem Umfeld, der einem vermittelt, genauso willkommen zu sein wie man ist und gleichzeitig Möglichkeiten zum Wachsen bietet, ist sicherlich ein wichtiger Baustein, um aus der Krise zu lernen und neue Handlungsoptionen zu entdecken.