Rassismus und Gewalt haben keinen (Sport-)Platz

20.05.2022

In der interaktiven Übung versuchen die Jugendspieler Zeichen und Symbole der rechten Szene zu erkennen und ihre Bedeutung zu entschlüsseln.

Referent Tilo Dornbusch (re.) von Fanprojekt Mannheim diskutiert mit den Jugendspielern des SV Waldhof Mannheim: „Was ist zu tun, wenn ein Spieler während eines Spieles im Fußballstadion rassistisch beleidigt wird?"

„Die Vergangenheit darf sich nicht wiederholen." Zeitzeugin Karla Spagerer erzählt den Spielern der U15 bis U19 Mannschaften ihre Lebensgeschichte, damit die Schrecken der Nazi-Zeit nicht in Vergessenheit geraten.

Von der Haupttribüne blicken die Jugendlichen gespannt auf Karla Spagerer, die mit ihren aufrüttelnden Kindheitserzählungen im alten Stadion am Alsenweg verstaubte Geschichte neu aufleben lässt.

Im Mannheimer Jugendförderzentrum von Anpfiff ins Leben fanden in der vergangenen Woche für die Jugendspieler des SV Waldhof Mannheim vier Präventionsworkshops gegen Rassismus und Gewalt statt, die von Fanprojekt Mannheim durchgeführt wurden. Im Rahmen dieser vierteiligen Vortragsreihe trafen die Spieler der U15 bis U19 Mannschaften auch auf die Zeitzeugin Karla Spagerer, die ihnen im alten Stadion am Alsenweg von ihren aufrüttelnden Kindheits- und Jugenderlebnissen zur Zeit des Nationalsozialismus berichtete. Die präventive Workshopreihe wurde unterstützt von futureoffice.

„Rassismus und Gewalt haben nicht mit dem Ende des Nationalsozialismus aufgehört. Sie sind heute noch in unserer Gesellschaft vorhanden, auch im Fußballstadion“, berichtet Tilo Dornbusch von Fanprojekt Mannheim. Der Sozialpädagoge besucht die Spiele des SV Waldhof und erlebt in den Stadien regelmäßig, wie Anhänger der rechten Szene die Fußballspiele nutzen, um sich zu versammeln und Gewalt auszuüben, rechtsradikale Parolen und rassistische Gesänge anzustimmen sowie um auf vielfältige Weise rechte Zeichen und Symbole zu platzieren. Dass uns Rassismus und Gewalt gerade in Fußballstadien begegnen, ist nach Tilo Dornbusch wenig überraschend: „In den großen Stadien fällt es den rechten Anhängern leicht, sich zu organisieren und zu versammeln. Man trifft viele Gleichgesinnte. Die Fußballszene und die rechte Szene sind absolute Männerdomänen.“ Anpfiff ins Leben ist es daher wichtig, junge Spieler frühzeitig über Rassismus und Gewalt aufzuklären und präventive Maßnahmen, wie die Workshopreihe in Kooperation mit Fanprojekt Mannheim anzubieten, um rassistische Diskriminierung und rechte Gewalt im Fußballstadion einzudämmen.

Seine Präventionsworkshops eröffnet Tilo Dornbusch mit einer ebenso einfachen wie provokativen Frage: „Was haben das Fan-Sein und das Rechts-Sein gemeinsam?“ Die überraschende Antwort darauf erregt die Aufmerksamkeit der Jugendspieler des SV Waldhof Mannheim, denn sie lautet „recht viel“, nämlich dann, wenn man gerade nicht von dem Normalo-Fan ausgeht, sondern die kleine Fangruppe der sogenannten Hooligans ins Auge fasst. In den Grundzügen ihrer (extremen) Anhängerschaft an einen Fußballverein lassen sich Parallelen zur rechten Szene erkennen: die absolute Loyalität und unabdingbare Treue zum Verein führen zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft sowie offener Feindseligkeit, die oftmals rassistische und rechtsextremistische Züge trägt. Die gewalttätigen und rassistischen Anfeindungen können sich sowohl an die Spieler und Fans der gegnerischen Mannschaft als auch an die Spieler des eigenen Teams, die einen Vereinswechsel anstreben, richten und in zahlreichen Varianten auftreten.

Um den Spielern des SV Waldhof Mannheim einen Eindruck von den vielfältigen Erscheinungsformen von Rassismus und Gewalt zu vermitteln, zeigt Tilo Dornbusch den Jugendlichen eine kleine Sammlung von Bildern und Hörbeispielen, die konkrete und aktuelle Szenen dokumentieren, in denen Fußballspieler inner- und außerhalb des Stadions offen rassistisch beleidigt und Opfer rechts motivierter Gewalt werden. In der darauffolgenden Übung sind die Jugendspieler selbst gefragt. Sie sollen verschiedene und zum Teil stark verschlüsselte Zeichen und Symbole der rechten Szene erkennen und decodieren. Am Ende des Workshops steht die Frage im Raum, wie man sich auf dem Platz richtig verhält, wenn ein Spieler rassistisch beschimpft wird. Darauf formuliert Tilo Dornbusch eine eindeutige Antwort: „Wenn ihr bemerkt, dass ein Spieler in irgendeiner Form rassistische Anfeindungen erfährt, dann gebt auf jeden Fall dem Schiedsrichter und den Trainern Bescheid. Es spricht auch nichts dagegen geschlossen als Mannschaft den Platz zu verlassen und zwar egal ob ein Spieler des eigenen oder des gegnerischen Teams zum Opfer von Rassismus und Gewalt wird.“ Nur so kann man ein Zeichen setzen.

Eine die ein Zeichen setzt und vorangeht ist Karla Spagerer, eine Zeitzeugin der NS-Zeit. Im Jahr 1929 geboren, waren ihre Kinder- und Jugendjahre geprägt von politischer Verfolgung, Antisemitismus und Rassismus. Lange Zeit wollte sie ihre Familien- und Lebensgeschichte nicht erzählen, doch der merkliche Rechtsruck in den vergangenen Jahren und die in der Gesellschaft sowie in der Politik immer lauter werdenden rechten Stimmen haben sie umgestimmt. „Ich durfte nach dem Untergang des dritten Reiches 70 Jahre lang in Demokratie und Freiheit leben und nun muss ich an meinem Lebensabend eine solche gesellschaftliche und politische Entwicklung erleben. Ich dachte die Menschheit hat aus ihren Fehlern gelernt.“ Vielmehr hat sie jedoch den Eindruck, die Menschen haben vergessen und Karla Spagerer will „erzählen gegen das Vergessen.“ Seit 2018 hat sie insgesamt 20 Schulen mit der Hoffnung besucht, dass ihre Lebensgeschichte dazu beiträgt, dass die Jugendlichen wachsam werden und gemeinsam mit ihr gegen Gewalt und Rassismus vorgehen.

Am 06. Mai 2022 war Karla Spagerer beim SV Waldhof Mannheim, um auf der großen Haupttribüne des alten Stadions am Alsenweg den Spielern der U15 bis U19 Mannschaften von ihren aufrüttelnden Kindheits- und Jugenderlebnissen zur Zeit des Nationalsozialismus zu berichten. Die Jugendspieler blickten gefesselt auf die Zeitzeugin, die mit ihrer Familien- und Lebensgeschichte eine gespannte Atmosphäre geschafft und verstaubte Geschichte für die Jugendlichen lebendig gemacht hat: „Wenn man in alten Geschichtsbüchern etwas über den Nationalsozialismus liest, dann ist das völlig anders, als wenn eine Person von ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichtet. Dadurch wird das surreale Thema greifbar. Man merkt, dass es wichtig ist über Rassismus und Gewalt zu sprechen, damit so etwas wie damals nicht noch einmal passiert“, so ein Spieler des SV Waldhof Mannheim. Die Vergangenheit darf sich nicht wiederholen, das ist Karla Spagerers Botschaft: „Mein Wunsch ist, dass alle Menschen gleich sind, egal welche Sprache sie sprechen, welche Hautfarbe sie haben und welches Geschlecht. Nur dann können wir in Frieden und Freiheit leben.“

Frieden, Freiheit und Diversität sind Themen, die nicht nur Anpfiff ins Leben, sondern auch Nadine Laule und Andreas Retsch von futureoffice sehr am Herzen liegen. Sie sind beim Auftritt von Karla Spagerer im alten Stadion am Alsenweg dabei und beeindruckt von den bewegenden Erzählungen der Zeitzeugin. Sie unterstützen die gesamte von Anpfiff ins Leben organisierte Präventionsveranstaltung, denn „es ist wichtig bereits die Jugendlichen aufzuklären, damit sie lernen tolerant zu sein und eine eindeutige Position zu beziehen. Für Rassismus und Gewalt“, so Andreas Retsch, „gibt es keinen Platz“ – weder in der Gesellschaft noch auf dem Spielfeld.