Warum es so schwer ist, den richtigen Beruf zu finden - Ein Kommentar von Corinna Glogger und Philipp Schmidt

13.12.2023

Die Corona-Pandemie hat eins nicht verändert: die für Schulabgänger nach wie vor schwierige Entscheidung zwischen über 320 dualen Ausbildungsberufen, ca. 150 schulischen Ausbildungsmöglichkeiten und über 10.000 Bachelorstudiengängen an deutschen Hochschulen(1). Verändert hat sich jedoch der Weg der Entscheidungsfindung. Schulformübergreifend stehen zwei bis drei Jahre vor dem Schulabschluss mindestens ein Betriebspraktikum und weitere Angebote zur Berufs- und Studienorientierung in den Curricula. Diese Praxiseinblicke wurden den Schülerinnen und Schülern durch die Pandemie weitestgehend verwehrt. Diese Generation von Unorientierten ist aktuell auf der Suche nach dem für sie passenden beruflichen Weg. Und viele von ihnen sind schlichtweg überfordert. Die aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung belegt: „Gut die Hälfte der Jugendlichen (53 %) findet sich in den Informationen zur Berufswahl nur schwer zurecht.“²

Corinna Glogger, Koordinatorin Beruf am Jugendförderzentrum Ludwigshafen und zuständig für die Organisation der Berufsorientierung bei Anpfiff ins Leben, bestätigt die Studienergebnisse: „Meine Kolleginnen und Kollegen vor Ort erleben bei vielen Jugendlichen zurzeit eine große Verunsicherung und Ratlosigkeit, was ihre berufliche Zukunft betrifft. Diese Orientierungslosigkeit ist nachvollziehbar. Eine fundierte Berufswahl zu treffen, die aufgrund von Informationen, Gesprächen mit Bezugspersonen und praktischen Einblicken entstanden ist, ist nur schwer möglich.“ Deshalb führen die Koordinatoren von Anpfiff ins Leben viele Gespräche, hören zu, was die jungen Menschen bewegt und helfen ihnen individuell, ihre nächsten Schritte zu gehen.

Zu den Nachwirkungen der Pandemie kommen noch die bereits seit einigen Jahren konstatierten Herausforderungen, mit denen die Berufs- und Arbeitswelt konfrontiert ist: demografischer Wandel und ein daraus resultierender Fachkräftemangel, Transformationsprozesse durch Digitalisierung und Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt.³

Wie können wir als außerschulischer Lernort helfen? „Anpfiff ins Leben agiert direkt am Sportplatz, einem Ort, zu dem Jugendliche gerne kommen und an dem ein Vertrauensverhältnis zu den Verantwortlichen besteht. Unsere Unterstützungsangebote sind gefragter denn je, denn wir haben die Ressourcen, um Jugendliche individualisiert zu begleiten,“ betont Philipp Schmidt, der als Koordinator Beruf am Jugendförderzentrum Walldorf arbeitet und das berufliche Netzwerk betreut. An den Anpfiff-Standorten wurden zu Saisonbeginn bereits über 500 kurze Einzelgespräche, das sogenannte berufliche Scouting, mit den Spielern von der C- bis zur A-Jugend geführt und individuelle Empfehlungen für die Weiterarbeit ausgesprochen. Vor allem die Spieler im Schulabschlussjahr werden eng und individuell betreut. Im Fokus steht zumeist die Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen. „Die Anregung eines selbstreflexiven Prozesses ist oft ein schwieriger, aber lohnenswerter Weg, den wir gerne mit den Jugendlichen gehen,“ unterstreicht Glogger.

Auf Betriebsseite wird die zentrale Herausforderung in der beruflichen Orientierung sein, junge Menschen kennenzulernen, einen Schritt auf sie zuzugehen und sie für das Unternehmen zu begeistern. „Mit unserem großen Partnernetzwerk haben wir die Möglichkeit, praktische Einblicke in Berufe oder Berufsfelder zu ermöglichen. Wir matchen Betriebe und junge Menschen, die sich vermutlich sonst nicht kennengelernt hätten,“ so Schmidt.

Berufliche Orientierung wird zunehmend zum Langzeitprojekt, das sich über viele Berufsjahrzehnte erstreckt. Jungen Menschen mit individualisierter Unterstützung einen guten Start in dieses Langzeitprojekt zu ermöglichen, ist unsere Aufgabe. Die von Anpfiff ins Leben, aber auch die von Schulen, Hochschulen und Unternehmen.

 

(1) Vgl. Ziegler, Birgit (2023): Implizite und explizite Theoriebezüge in Maßnahmen zur Berufsorientierung. Aus: BWP Zeitschrift "Berufliche Orientierung" 02/2023. Online verfügbar unter: www.bwp-zeitschrift.de/dienst/publikationen/de/download/18640
² Barlovic, I., Ullrich, D., Burkard, C., Hollenbach-Biele, N., Lepper, C. (2022): Berufliche Orientierung im dritten Corona-Jahr. Online verfügbar unter: www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/2022_Jugendbefragung_Corona_BO.pdf  
³ Vgl. Krause, C. (2023): Regional vernetzte Berufsorientierung – Gestaltungskriterien zur Kompensation zukünftiger Fachkräfteengpässe in strukturschwachen Regionen. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Schwerin). Online verfügbar unter: www.bwpat.de/ausgabe44/krause_bwpat44.pdf