Portrait Kirsten Manz

Auch wieder mit Prothese Auto fahren
Fitnesstraining gehört zu ihrem regelmäßigen Programm

Lachfältchen um die Augen hat Kirsten Manz, sportlich sieht sie aus und strahlt Zufriedenheit aus. Das ist sie auch. „Ich bin wunschlos glücklich“, sagt die 49-Jährige, und das glaubt man ihr sofort.
Vor vier Jahren ist die Situation eine andere. Kirsten, Mutter von drei Kindern und Altenpflegerin von Beruf, setzt sich Ende Juli 2010 das erste Mal in ihrem Leben als Sozia auf ein Motorrad. Es soll ein Ausflug mit ihrem Freund werden. Doch es kommt zu einem folgenreichen Unfall. Kirsten ist schwer verletzt. Ihr linkes Bein wird mehrfach operiert, drei Monate liegt sie in der Klinik, sieht nicht anderes als das Krankenzimmer, in dem sie ans Bett gefesselt ist. Als sie entlassen wird, ist das Bein zehn Zentimeter kürzer und versteift. Kirsten muss einen Fixateur tragen, eine Schiene, die es ihr unmöglich macht, entspannt zu sitzen. Sie muss Krücken benutzen. Zu allem Überfluss hat sich ein Keim in das verletzte Bein eingenistet. Wieder und wieder hat sie Schmerzen, werden Operationen notwendig. Auch der Fuß ist verletzt und funktioniert nicht richtig. Es geht ihr schlecht, und sie fühlt sich behindert – durch das Bein, das die Ärzte gerettet haben. Im Rückblick sagt Kirsten „Es war wie eine Zwangsjacke.“
Bei einer der vielen Begutachtungen, die nach einem solchen Unfall die Regel sind, regt ein Arzt Kirsten dazu an, darüber nachzudenken, ob es für sie nicht eine Erleichterung sein könnte, sich von ihrem Bein zu trennen, es amputieren zu lassen. Ihr leuchtet das ein. Auf der Rückfahrt im Auto schon trifft sie ihre Entscheidung. „Der Gedanke an eine Amputation brachte mir Erleichterung“, erinnert sich Kirsten. Ein weiterer Operationstermin steht an, nur wenige Tage später, und sie behält ihn bei. Sie hat zu diesem Zeitpunkt zwei Optionen: Die der notwendigen weiteren Operation des kranken Beines, oder die der Amputation. Sie redet mit ihrem Freund, ihren Kindern und Eltern darüber. Natürlich gibt es unterschiedliche Auffassungen. Aber vor allem die Kinder, die in ständiger Sorge um den Gesundheitszustand der Mutter sind, unterstützen Kirsten auf dem Weg zur Entscheidung, das kranke Bein durch eine gute Prothese zu ersetzen. Kirsten trifft die für sie richtige Entscheidung, wie sie heute weiß. Als sie das erste Mal auf ihrer Prothese steht ist sie froh, dass sie wieder laufen kann.
Als ihr Arbeitgeber sich bereit erklärt, Kirsten auch mit der Prothese wieder als Altenpflegerin arbeiten zu lassen, entwickelt sie große Ambitionen: „Ich wollte beweisen, dass es kein Fehler war, mich wieder einzustellen, dass ich alles kann.“ Manche Kollegen und Kolleginnen betrachten das zunächst mit einer gewissen Skepsis. Doch sehr bald sehen sie, dass Kirsten ihre Aufgaben voll und ganz erfüllt, genau wie vor der Amputation. Sie bedient sich jetzt eher vorhandener Hilfsmittel wie zum Beispiel einem Lift beim Umbetten, ist auch mit sich achtsamer, damit sie nicht stürzt. Und die Patienten – sie geben sich mehr Mühe, helfen mehr mit, damit Kirsten es leichter hat.
Dass sie diesen Arbeitsplatz noch hat, ist nur ihrem starken Willen zu verdanken. Sie sollte umgeschult werden, obwohl sie alle Aufgaben erfüllt und auch – trotz Teilzeitarbeit – ganze Schichten arbeiten kann. Dazu hätte sie ihre Arbeitsstelle kündigen müssen mit der Folge, dass man ihr das Arbeitslosengeld sperrt. Und es ist die Frage, ob sie nach der Umschulung auch noch eine Stelle bekommen würde. Kirsten übt ihren Beruf gerne aus. Da verzichtet sie lieber auf die Teilzeitrente, für die eine Umschulung und eine volle Stelle Voraussetzung ist. „Ich kann nicht verstehen, dass man mir die Arbeit in der Pflege nicht zutraut“, sagt Kirsten. Sie beweist an jedem einzelnen Arbeitstag, dass sie dazu in der Lage ist.
Sport war immer ein wichtiger Teil im Leben von Kirsten. Vor dem Unfall fährt sie Fahrrad, geht regelmäßig schwimmen, macht Aerobic und leitet eine „BBP“-Gruppe. Nach der Amputation verschenkt sie ihr Fahrrad, weil sie glaubt, es niemals mehr benutzen zu können. Jetzt weiß sie, dass das vorschnell war. Dass der Sport ihr fehlen würde, hat Kirsten immer gewusst. In der Orthopädischen Klinik in Schlierbach hört sie von dem Projekt „Bewegungsförderung für Amputierte“ des Vereins „Anpfiff ins Leben“. Am Abend zu Hause geht sie auf die Homepage. Sie weint, als sie sieht, dass es Leute gibt, die nach einer Amputation Sport machen, ganz selbstverständlich und noch dazu gar nicht weit von ihrem Wohnort entfernt. Es sind auch Tränen der Erleichterung. Sie nimmt umgehend Kontakt auf und kommt regelmäßig zum Krafttraining, nimmt gerne an den Angeboten im Freizeit-Sport teil, und hat sich unmittelbar nach dem Laufevent im Mai 2014 Nordic-Walking-Stöcke zugelegt. Die Tipps, die der Trainer Thomas Gundelfinger an diesem Tag gegeben hat, beherzigt sie. Sie hat die Stöcke immer im Auto, damit sie losgehen kann, wenn ihr danach ist. Dieser Breitensport wird ab Ende September 2015 regelmäßig in Walldorf, dem derzeitigen Sitz von „Bewegungsförderung für Amputierte“ angeboten. Kirsten ist schon angemeldet.
Sie fährt wieder Auto. Auch das war mit dem steifen Bein und der Schiene nicht möglich. Die Prothese muss in den Führerschein eingetragen werden. Dazu ist eine Fahrprüfung notwendig. Weil sie jetzt einen Wagen mit Automatik fahren muss. „Jeder kann sich ein Auto mit Automatik kaufen und damit losfahren, ohne nochmal eine Prüfung machen zu müssen“, stellt sie kopfschüttelnd fest. Es kränkt auch, dass sie die schriftliche Bescheinigung eines Arztes darüber braucht, dass sie in der Lage ist, Auto zu fahren. Kirsten lächelt als sie sagt: „Manchen Leuten muss man klarmachen, dass zwar das Bein amputiert wurde, aber der Kopf noch voll funktionsfähig ist.“
Kirsten hat nach dem Unfall ihre Ziele erreicht: Sie geht wieder arbeiten, ist vollkommen selbständig, hat ihre Mobilität zurück gewonnen. Die gelernte Bademeisterin hat sich vorgenommen, noch eine Schwelle zu überwinden. Sie möchte gerne wieder schwimmen gehen. Doch alleine, also im Sinne von als Einzige im Schwimmbad mit oder auch ohne Prothese, das möchte sie nicht. Die Möglichkeit, in der Gruppe ins Schwimmbad zu gehen, mit den anderen Amputierten, die an den Angeboten von „Bewegungsförderung für Amputierte“ teilnehmen, kann sie sich das allerdings vorstellen.
„Mein Leben ist reicher geworden“, ist Kirstens Resümee. Sie mag kein Selbstmitleid. Neu im Leben nach der Amputation ist, dass jetzt wieder die Frau in ihr durchkommt. Sie hat sich „Kosmetik“ für ihre Prothese zugelegt. Sie ist froh, wieder Oberschenkel und Wade zu haben, die das Hosenbein füllen. „Ich habe wieder Beine“, stellt sie zufrieden fest. Kirsten will wieder Röcke, Kleider und Sandalen tragen. Die Fußnägel sind bereits rot lackiert.

Aufgezeichnet im August 2014
Stephanie Riechwald
„Bewegungsförderung für Amputierte“
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