Initiatorin Diana Schütz sowie die Teilnehmer Rolf Aupperle (links), Georgia Laszak und Kirsten Manz (2.v.links)  sind sich einig: Die Bewegungsförderung für Amputierte ist viel mehr als nur ein Sportangebot. 

 


15 Jahre, 15 Geschichten - Selbsthilfe mit Adrenalinkick

Im Rahmen der Reportage-Reihe „15 Jahre, 15 Geschichten“ zeichnet Anpfiff ins Leben e.V. Geschichte und Angebote der Bewegungsförderung für Amputierte nach.

Initiatorin Diana Schütz sowie die Teilnehmer Rolf Aupperle, Georgia Laszak und Kirsten Manz sind sich einig: Die Bewegungsförderung für Amputierte ist viel mehr als nur ein Sportangebot. Sie bietet Motivation, Kontakte, Austauschmöglichkeiten und einzigartige Erlebnisse.

Rolf Aupperle schwärmt. Von der letzten Skifreizeit und den Tanzstunden, von Radtouren und vom Paragliding. Er erzählt von Adrenalinkicks und sportlichen Herausforderungen, Erlebnissen in der Gemeinschaft und neuen Begegnungen. Aupperle, 66 Jahre alt, ist ein aktiver Mann, der das Leben genießt. Dass sein Leben mal so aussehen könnte – das hätte Aupperle vor sechs Jahren selbst nicht geglaubt. Von einem Tag auf den anderen wurde der Berufskraftfahrer im November 2011 aus seinem bisherigen Leben gerissen. In seiner Leiste riss ein Aneurysma. „Das waren unglaubliche Schmerzen“, erzählt er. So stark, dass die Ärzte ihn in ein künstliches Koma versetzten.

Rolf Aupperle: „Nach fünf Tagen wache ich im Krankenhaus wieder auf und denke, mein rechtes Bein ist eingeschlafen. Dann schau ich nach – und es ist weg.“

of Aupperle auf dem Fahrrad
Mit dem Fahrrad kann Rolf nun auch wieder fahren

Nachdem er den ersten Schock überwunden hatte, wollte er wissen, wie es weitergeht: gesundheitlich und beruflich – und bekam keine Antworten. „Die Ärzte wussten einfach nicht, was nach einer Amputation zu tun ist und es hat mir auch niemand gesagt, an wen ich mich wenden kann.“ Er fühlte sich alleingelassen und fiel in ein Loch. Dass er aus diesem wieder herauskam, sagt Aupperle, hat er zu einem großen Teil der Bewegungsförderung für Amputierte zu verdanken.

Seit 2013 ist die Bewegungsförderung fester Bestandteil von Anpfiff ins Leben. Mit einem Sportangebot, das speziell auf Menschen mit Handicap zugeschnitten ist, betreut von geschultem Personal. Für jeden ist etwas dabei. Es gibt Fitnesstraining an Geräten, um den Körper wieder in Balance zu bringen, Kraft und Ausdauer aufzubauen. Es gibt ein Geh-Training für Menschen, die gerade die ersten Schritte mit einer Prothese wagen, und eine Laufgruppe für alle, die auf Carbonfedern gerne Geschwindigkeit aufnehmen. Es gibt Tanz- und Zumbakurse, Kletter- und Schwimmtraining. Mannschaftssportler können sich im Amputierten-Fußball und Sitzvolleyball probieren und immer wieder organisieren die Koordinatorinnen Diana Schütz und Elisabeth Claas Ausflüge, Freizeiten und Camps.
Aupperle suchte nach seiner Amputation monatelang nach Menschen, die ihm weiterhelfen können. Die ihm sagen können, wie er einen Führerschein bekommt oder wie er lernen kann, seiner Prothese zu vertrauen. Schließlich fand er in einer Heidelberger Klinik eine Selbsthilfegruppe – und traf dort auf Diana Schütz, die gerade dabei war, die Bewegungsförderung für Amputierte bei Anpfiff ins Leben e.V. aufzubauen. „Ich wollte nicht nur sportliche Angebote schaffen, sondern auch praktische Hilfe bieten“, sagt sie. Und Aupperle traf plötzlich auf Menschen, die seine Fragen beantworten konnten. „Oder mir zumindest sagen konnten, wo ich die richtigen Antworten bekomme“, erzählt er.

Und nur wenige Tage, nachdem er von den Sportangeboten erfahren hatte, saß Aupperle im Kraftraum – und tut das noch immer jede Woche. Mit seiner Lebensgefährtin meldete er sich zum Tanzkurs an und stellte überrascht fest, dass ihm das „dermaßen viel Spaß macht“. Er geht mit auf einen Skiausflug und fährt auf Krückenski zum ersten Mal im Leben eine Piste hinunter.

„Das habe ich vor der Amputation alles nicht gemacht – ich bin jetzt aktiver und fitter als zuvor“, sagt der 66-Jährige und fügt etwas nachdenklich hinzu: „Es ist einfach super, dass es dieses Angebot gibt. Man kommt mit so vielen Menschen in Kontakt, die ähnliches durchgemacht haben. Man merkt: man ist nicht allein.“

Die Teilnehmer tauschen sich aus, geben Tipps und motivieren sich gegenseitig. „Der Zusammenhalt ist unheimlich stark“, sagt Aupperle.

Genau das wollte Diana Schütz mit der Bewegungsförderung für Amputierte erreichen. Auch ihr wurde das rechte Bein amputiert. Allerdings bereits im Alter von acht Jahren – ein Tumor im Knie machte die einschneidende Operation lebensnotwendig. Sie besiegte den Krebs, machte ihren Schulabschluss und eine Berufsausbildung. „Ich wuchs mit der Amputation auf, das hat es vielleicht etwas einfacher gemacht.“ Doch es gab einen Bereich, der ihr verschlossen blieb: Am Schulsport durfte sie nicht teilnehmen. Irgendwann wollte sie dieses vorsorgliche Verbot nicht mehr akzeptieren und suchte nach Sportevents für Amputierte.

Initiatorin der Bewegungsförderung für Amputierte Diana Schütz beim Ski fahren
Zum ersten Mal traut sich Diana Schütz auf eine Skipiste

Zum ersten Mal traut sie sich auf eine Skipiste. „Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht, der Sport, die Geschwindigkeit und das Erlebnis in der Gruppe.“ Schütz wollte mehr: Sie setzte sich aufs Fahrrad, rollte auf Inlineskates, kletterte und lief. „Das hat mir so viel Kraft und positive Energie gegeben.“ Und sie bereute, dass sie den Sport nicht viel früher für sich entdeckt hatte und dass es so wenig Angebote für Menschen mit Amputationen gibt. „Da habe ich einfach beschlossen, selbst dafür zu sorgen, dass es ein solches Angebot gibt“, sagt die 45-Jährige. Doch allein, das wurde ihr schnell klar, konnte sie nicht viel erreichen. Ihr Mann, der bei SAP arbeitet, brachte sie schließlich auf die Idee, bei Anpfiff ins Leben e.V. anzufragen. Und schon beim nächsten Sommerfest organisierte sie ein Laufevent, bei dem Amputierte das Laufen mit Carbonfedern ausprobieren konnten. „Einige, die das damals zum ersten Mal gemacht haben, hatten Tränen in den Augen“, berichtet Schütz. Das beobachtete auch der damalige Vereinsvorsitzende Anton Nagl – und beschloss gemeinsam mit Schütz, ein festes Angebot für Amputierte aufzubauen.

„Einige, die das damals zum ersten Mal gemacht haben, hatten Tränen in den Augen“, berichtet Schütz über das Laufen mit den Carbonfedern.

Und Jahr für Jahr kommen neue Angebote hinzu. Im Frühjahr 2017 fand zum ersten Mal ein Ostercamp für Kinder und Jugendliche statt. Mit dabei: Georgia Laszak. Sie kam ohne linken Unterarm auf die Welt und trägt eine Armprothese. Doch einschränken lässt sich die selbstbewusste Zehnjährige davon kaum, auch am Schulsport nimmt sie teil und fiebert gerade auf das kommende Völkerballturnier hin. Ihre Prothese sei in der Klasse überhaupt kein Thema mehr. „Das fällt niemandem mehr auf“, sagt Georgia. Doch sie freut es auch, Kinder kennenzulernen, die ebenfalls eine Prothese tragen – wie im Ostercamp. „Da kann man auch mal fragen, was die anderen machen, wenn die Prothese so drückt oder man im Sommer doll schwitzt.“ Auch an einem Kochkurs der Bewegungsförderung hat sie teilgenommen. „Das findet meine Mama wichtig, dass ich auch solche Dinge lerne“, sagt Georgia.

Georgia half beim Kochen tatkräftig mit
Georgia half beim Kochen tatkräftig mit

„Für mich sind die Kurse der Bewegungsförderung ein sicherer Raum. Ich kann da so sein, wie ich bin“, erzählt Kirsten Manz. Die 52-Jährige entschied sich bewusst für die Amputation ihres linken Beines. Es war nach einem Unfall und über 20 Operationen zehn Zentimeter kürzer und komplett versteift. „Ich fühlte mich damit behindert.“ Als ein Arzt sie auf die Möglichkeit einer Amputation ansprach, entschied sie sich bereits wenige Stunden später dafür. „Das konnte nicht jeder nachvollziehen, aber für mich war das der richtige Weg.“ Auch wenn die Amputation für sie eine Erleichterung war – einfach war das Leben danach nicht für die dreifache Mutter. Sie wollte wieder arbeiten, ihren alten Job als Altenpflegerin wieder ausüben. Sie schaffte es: mit Überzeugungsarbeit, verständnisvollen Vorgesetzten, Hartnäckigkeit und starkem Willen. Nur den Sport vermisste sie, ihr Fahrrad hatte sie bereits verschenkt.

Dann erfährt Manz von dem Angebot der Bewegungsförderung für Amputierte. „Ich war begeistert, dass es sowas gibt und dass es Menschen gibt, die nach einer Amputation ganz selbstverständlich Sport machen.“ Sie nimmt umgehend Kontakt auf. Sie geht zum Krafttraining und macht Nordic-Walking, klettert und hat sich längst wieder ein Fahrrad gekauft, ein E-Bike. In der Gruppe traut sie sich auch das erste Mal nach der Amputation wieder ins Schwimmbad. „Ich dachte: Die Leute schaun‘ und schaun‘ und schaun‘ – und bin dann lieber nicht hin.“ Doch in der Gruppe fühlt sie sich wohl und sicher.

Kirsten Manz: „Man gibt sich gegenseitig so viel Kraft und Motivation. Nicht nur für den Sport, auch für den Alltag.“ 

Mit dem Programm „Peer im Krankenhaus“ soll diese Hilfe auch Menschen direkt nach einer Operation erreichen – bevor sie in das Loch fallen, aus dem sich Rolf Aupperle so mühsam wieder befreien musste. „Es muss einfach jemanden geben, der aus eigener Erfahrung sagt: du kannst das“, sagt Koordinatorin Diana Schütz. Bei der Bewegungsförderung will sie möglichst viele Menschen zusammenbringen, die sich das gegenseitig sagen. Und wie Rolf Aupperle, Kirsten Manz oder Georgia Laszak irgendwann ganz selbstverständlich ihr Motto übernehmen: „Geht nicht, gibt’s nicht.“

Text: Sarah Weik
 

Kirsten beim Gehtraining
Kirsten beim Gehtraining

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