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Wenn Sportvereine echte Zukunftsperspektiven sind – Yasin Shabanov

Im April 2021 kam ein 16-jähriger Junge aus Bulgarien allein nach Deutschland. Sein erster Ankerpunkt, ein Platz in der U17 des Anpfiff ins Leben Partnervereins SG Heidelberg-Kirchheim, spielt rückblickend die entscheidende Rolle bei seinem Werdegang, der längst zur Erfolgsgeschichte geworden ist. Yasin Shabanov blickt heute auf vier überaus ereignisreiche Jahre zurück, in denen es aber nicht immer nur steil bergauf ging.

Juni 2025

Momentan ist das Wichtigste die Gesundheit. „Seit ein paar Wochen kann ich wieder ohne Probleme Fußball spielen“, berichtet der mittlerweile 20-Jährige. Vor einem knappen Jahr hat er sich die Verletzung zugezogen, vor der sich jeder Fußballer fürchtet – einen Kreuzbandriss.

Solche Rückschläge sind für Yasin keine Hindernisse, sondern viel mehr Herausforderungen. In der Rekordzeit von acht Monaten hat er sich auf den Platz zurückgekämpft und sich für die Zukunft viel vorgenommen, wie er sagt: „Ich will im Fußball noch viel erreichen und höherklassig spielen.“

Dass er das Zeug dazu hat, hat er vom ersten Tag an in der neuen Umgebung bewiesen. Bei der U17 der SG Heidelberg-Kirchheim übernahm Yasin nahtlos eine Rolle als Führungsspieler und hat in der Oberliga-Saison 2021/22 für einen Innenverteidiger beachtliche drei Tore geschossen. Eines davon gegen die TSG Hoffenheim. Darüber sagt er heute mit einem verschmitzten Lächeln: „Wir haben zwar 2:7 verloren, dieses Tor nimmt mir aber niemand mehr.“ Passenderweise schauten bei jenem Spiel seine Eltern zu, da sie damals zu einem Besuch aus Bulgarien angereist kamen. Mittlerweile schnürt er in der Heidelberger Kreisliga für den VfB Leimen die Kickschuhe. Sein jetziger Trainer Manuel Wengert hat ihn in Kirchheim bereits in der U19 betreut.

Aufgewachsen in Sofia

In Sofia wuchs Yasin auf und ging dort auch zur Schule. Den Lebensmittelpunkt nach Deutschland zu verlegen, war seiner schulischen wie auch sportlichen Ausbildung geschuldet. „Zuhause gibt es leider nicht so viele Chancen für Kinder und Jugendliche. Hier in Deutschland hat man bessere Perspektiven“, erzählt der 20-Jährige, der zu Beginn bei einer bekannten Familie in Rauenberg gewohnt hat.

Nach drei Monaten in Deutschland kam Yasins drei Jahre ältere Schwester Sara nach. Mittlerweile teilen sich die beiden eine Wohnung in St. Leon-Rot. Von dort fährt er täglich mit der Bahn in die Internationale Gesamtschule Heidelberg (IGH), wo er kommendes Jahr sein Abitur machen wird. Während seiner SGK-Zeit erhielt er im schulischen Bereich große Unterstützung von der Anpfiff-Koordinatorin Simge Aydin-Celik im Heidelberger Jugendförderzentrum. „Yasin ist ein äußerst engagierter und ehrgeiziger junger Mann. Obwohl er am Anfang allein war, hat er es geschafft sich sportlich und schulisch durchzusetzen. Dass er jede Unterstützung angenommen und konsequent genutzt hat, war für mich das größte Geschenk“, erinnert sich Simge. Yasin ist sehr dankbar für die Förderung, denn er „durfte immer um Hilfe bitten, wenn etwas anstand.“

Bevor jedoch alles so reibungslos lief, wie es heute der Fall ist, ging Yasins Zeit in Deutschland bei null los. Den Einstieg ins gesellschaftliche Leben bot der Fußball, speziell die SG Heidelberg-Kirchheim. Seine lebensfrohe Art und der Wille, sich zu integrieren, haben es ihm leichtgemacht, sich zügig in Deutschland wohlzufühlen und neue Freunde zu finden.

Väterlicher Ratgeber und Trainer in einem war zu dieser Zeit Thorsten Moser. Der heutige Scout beim FC-Astoria Walldorf war Yasins Trainer in der damaligen U17 bei der SGK. An die erste Begegnung erinnert sich Moser, als wäre es gestern gewesen: „Auf einmal stand Yasin bei unserem Training am Spielfeldrand und hat gefragt, ob er ein Probetraining absolvieren darf. Das hat mir unheimlich imponiert, da man dafür erst einmal den Mut dafür aufbringen muss. Ich kann nur meinen Hut vor ihm und auch seiner Schwester ziehen, dass sie in so jungen Jahren in ein fremdes Land gehen und dort auf sich allein gestellt ihr Leben organisieren. In dieser Hinsicht können sich hierzulande viele Jugendliche eine Scheibe davon abschneiden.“

Zurück zum ersten Treffen am Trainingsplatz: Moser lud Yasin direkt dazu ein mitzumachen und dieser hat mit seiner Einstellung und seinem Ehrgeiz prompt überzeugt. Der Coach erzählt: „Rein technisch ist Yasin nicht der Talentierteste, aber was den Willen angeht sich ständig zu verbessern, kann ihm keiner etwas vormachen. Er war stets der Erste vor dem Training und immer einer der Letzten, der danach nach Hause gegangen ist.“

Der Fußball verbindet Menschen – egal wo sie herkommen

In der Anfangszeit unterhielten sich die beiden regelrecht mit Händen und Füßen, doch durch seine Zeit im Sportverein beherrschte Yasin schon bald die Grundkenntnisse der deutschen Sprache. „Ich lernte deutsch vor allem auf dem Fußballplatz, in der Kabine, im Umgang mit meiner Mannschaft“, erzählt Yasin. „Er saß mit einem Translator in der Kabine und hat alles aufgesogen, was dort gesprochen wurde. Unser erstes Feedback-Gespräch in der Winterpause 2021/22 haben wir bereits zu 90 Prozent auf Deutsch geführt. Das hat mich sehr positiv beeindruckt.“

„Deutsch ist nicht einfach“, lacht Yasin, der erläutert, „verstehen kann ich nahezu alles, das Sprechen ist deutlich schwieriger.“ Das Zusammensein mit seinen Mannschaftskollegen in der Kabine hatte hier einen großen Einfluss und gleichzeitigen Lerneffekt für ihn. Hier hat er sich getraut Fragen zu stellen und einfach drauf loszusprechen. Er ist jedem seiner Mitspieler dankbar, „denn sie haben es mir super einfach gemacht mich zu integrieren.“

Aufstiegshelfer-Initiative bietet wertvolle Einblicke

Bei Anpfiff ins Leben machte Yasin aber mehr als „nur“ zu kicken. Neben der schulischen Unterstützung nutzte er auch die beruflichen Angebote. Ein Praktikum bei der Schweickert GmbH in Walldorf sowie die Teilnahme bei der Aufstiegshelfer-Initiative mit einem mehrwöchigen Praktikum bei SAP, bescherten ihm sehr lehrreiche Einblicke ins Berufsleben. „Wir haben die Bewerbungen gemeinsam erarbeitet und auch hier war ich beeindruckt von Yasins Engagement“, sagt Simge mit einem Lächeln im Gesicht und ergänzt „Er hat aber nicht nur durch seine Leistungen überzeugt, sondern auch menschlich einen bleibenden positiven Eindruck hinterlassen. Mit seiner respektvollen Art und seinem klaren Ziel vor Augen hat er jede Chance genutzt, sich in Deutschland ein gutes und erfülltes Leben aufzubauen.“

Wenn Moser heute mit eigenen Spielern oder auch potenziellen Neuzugängen spricht, nennt er ihnen häufig Yasins Werdegang als positives Beispiel. „Bei seinen Praktika hat er ausschließlich sehr gute Zeugnisse bekommen, jeder war und ist von Yasin begeistert. Es ist, einfach gesprochen, der immense Ehrgeiz sich stets verbessern und auf allen Ebenen lernen zu wollen, was ihn auszeichnet.“

Eine Anekdote beschreibt sehr anschaulich, wie selbstständig er bereits in jungen Jahren gewesen ist. Als gerade einmal Dreizehnjähriger verbrachte er mit ein paar Freunden aus Sofia, die allesamt schon älter gewesen sind, zwei Monate in Liverpool und besuchte dort je eine Fußballschule des FC Liverpool und des FC Everton.

Quasi nebenbei hat Yasin eine weitere Leidenschaft für sich entdeckt. Vor rund zwei Jahren absolvierte er einen Schiedsrichter-Neulingslehrgang und hat bislang über 50 Spiele gepfiffen. 

„Ich habe mir gedacht, dass ich meine Freizeit sinnvoll nutzen kann und deshalb habe ich als Schiedsrichter angefangen“, erzählt er von seinem Einstieg.

Wie es nach der Schule weitergeht, lässt Yasin in Ruhe auf sich zukommen. „Vielleicht werde ich Lehrer, aber eigentlich will ich mir alles offenlassen“, sagt er und will auch zukünftig für jede Option offen sein, „ich habe auch keine Probleme damit in ein anderes Land zu ziehen und dort meinen Weg zu gehen.“

Wer das schon als 16-jähriger Junge geschafft hat, der kann das erst recht als Erwachsener.

Egal, wo es ihn auf seinem künftigen beruflichen sowie sportlichen Werdegang hinführt, der Startpunkt dafür wird immer im Sportzentrum Süd des Anpfiff-Partnervereins SG Heidelberg-Kirchheim sein. Yasins Geschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Sportvereine jungen Menschen Orientierung, Integration und Perspektiven bieten können. 

Christopher Benz Juni 2025

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