Steh auf und Lauf!

Erstellt von Christoph Holzenkamp 17.05.2019

Mehr Mobilität, mehr Lebensqualität. Die gesamte Gruppe des Lauftreffs hat die gleichen Ziele.

Erste Versuche: Manfred Reiter probiert die für ihn angepasste Lauffeder.

Dina Grinberga aus Lettland kommt gerne zu den Lauftreffs von Anpfiff ins Leben.

„Steh auf und Lauf!“ Diese Aufforderung liest Manfred Reiter, wenn er den Menschen um sich herum nicht ins Gesicht, sondern auf die Shirts schaut. Schaut er noch weiter nach unten, wird klar, warum es dieser Gruppe nicht ganz so leichtfallen dürfte, wie es der Spruch zunächst vermuten lässt. Sie alle verbindet eine Gemeinsamkeit: Jeder Teilnehmer dieser Laufgruppe hat eine Beinamputation. Manfred verlor sein rechtes Bein an der Hüfte. Wenn er an sich hinabblickt, erkennt er nicht nur das Shirt mit der frechen Aufforderung, er sieht auch eine Sprungfeder aus Carbon.

Manfred ist zum ersten Mal in Hoffenheim. Er ist aus München kommend dem Ruf von Diana Schütz gefolgt, um hier in der Gruppe mit der Sprungfeder zu laufen. Manfred hat als einer der wenigen zwar eigenes Material - aber die angenehm weiche Feder und das Sportknie, mit dem er heute läuft, trägt er zum ersten Mal. „Eine Lauffeder aus Carbon kostet, alles eingerechnet, etwa 10.000 Euro“, erklärt Diana Schütz. „Und weil die Krankenkassen diese Kosten in aller Regel nicht tragen, haben Menschen mit Amputation durchweg keine Möglichkeit, das Laufen/Rennen zu erlernen bzw. Joggen zu gehen.“

Um Abhilfe zu schaffen, hat Schütz Laufwochenenden ins Leben gerufen. Diese finden vierteljährlich in Hoffenheim statt. Am 4. und 5. Mai wird bereits zum sechsten Mal gelaufen, inzwischen haben sich die Treffs sogar über Deutschland hinaus herumgesprochen. Dina Grīnberga ist extra aus Lettland angereist, mit Klaus Rother ist ein Österreicher unter den Teilnehmern. Schütz arbeitet bei Anpfiff ins Leben, ihre Aufgabe ist die sportliche Förderung von Menschen mit Amputation. Seit 2017 besitzt Anpfiff einige Federn, mit denen Interessierte ihre ersten Versuche machen können. „Wir stellen die Federn, die Techniker, die Halle, die Trainerin und die Übernachtungsmöglichkeit. Hier werden die Teilnehmer komplett versorgt, wir wollen es ihnen so einfach wie möglich machen. Denn das erste Mal auf Federn zu laufen ist alles andere als einfach.“

In der Gruppe aus zwölf Teilnehmern sind einige dabei, die immer wieder zu den Lauftreffs am Wochenende kommen. Gerne würden viele von ihnen auch am Donnerstag dabei sein, wenn sich die Laufgruppe von Anpfiff Hoffenheim zum Training trifft. Doch die weite Anreise hindert sie daran, unterwöchig zu trainieren. Eine von ihnen ist Katrin Feldmann. Dass sie bereits eine Prothesenläuferin mit Vorerfahrung ist, verrät ihr Shirt. Sie ist im türkisen Dress von Anpfiff Hoffenheim gekleidet. „Ich bin zum wiederholten Male dabei und freue mich immer über die sichtbaren Fortschritte, die ich an diesen Wochenenden mache.“ Inzwischen hat sie mit Trainerin Stefanie Krebs einen Trainingsplan erstellt, mit dem sie auch zu Hause trainieren kann. Genauso viel Spaß macht es ihr, den neuen Teilnehmern zu helfen.

Erste Gehversuche

Dazu gehören neben Manfred auch einige weitere, die zum ersten Mal dabei sind. Nach der Anprobe der Federn, die von Technikern individuell angepasst wurden, haben sie bereits erste Gehversuche im Anpfiff-Pavillon gemacht. Danach stand ein erster Test auf dem Laufband an, um die notwendige Sicherheit und das Vertrauen in die Lauffeder zu bekommen. Nun steht der Moment der Wahrheit bevor: Die ersten freien Laufversuche in der Halle. Dabei ist der Einstieg für den an der Hüfte amputierten Manfred besonders schwierig. „Je höher das Bein amputiert wurde, desto schwieriger ist es“, erklärt Schütz. „Erstaunlicher Weise tun sich viele beidseitig amputierte Läufer wesentlich leichter, einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Bei ihnen haben beide Beine dieselbe Federung.“ Unter dem Hallendach sind alle Arten von Teilnehmer mit Beinamputation vereint. Einseitig unter- und oberschenkelamputiert, beidseitig unter- und oberschenkelamputiert.

Manfred ist der Sonderfall. Mit einer sogenannten Hüft-Ex-Prothese ist das Laufen besonders schwierig. Doch nach einigem Herantasten stellen die Neulinge nach und nach fest: Es funktioniert! Während einige Teilnehmer mit der athletischen Effizienz paralympischer Athleten durch die Halle flitzen, kämpft sich Manfred Schritt für Schritt voran und schafft den Sprung vom gesunden Bein in die Feder. Wie kräftezehrend das ist, erkennt man sofort. Nach einigem Ausprobieren und Optimieren des Aufbaus der Laufprothesen finden die Läufer aber immer mehr Sicherheit und laufen ihre ersten rhythmischen Schritte. „Das ist ein unglaubliches Gefühl. Nach der Amputation ist es das erste Mal seit 20 Jahren, dass ich mich mit einem Gefühl von Leichtigkeit bewege“, sagt auch Manfred und fügt stolz hinzu: „Mein Techniker hat nicht geglaubt, dass es mit meiner Hüftprothese funktionieren würde.“

"Mit normalem Joggen ist das nicht vergleichbar"

Immer wieder laufen die zehn Teilnehmer einige Schritte oder einige Runden durch die Halle. Dann aber stützen sie sich auf den Knien ab oder setzen sich hin. Die Kondition fehlt. „Gerade zu Beginn ist das Laufen auf Federn unglaublich kräftezehrend“, sagt Schütz. „Mit dem Einstieg zum normalem Joggen ist es nicht vergleichbar. Das macht man ja schließlich mit denselben Beinen wie das Gehen. Menschen mit Amputation müssen ihren Bewegungsablauf auf die Lauffeder anpassen und deshalb bei Null starten.“ Deswegen heißt es für die Laufgruppe, am Ball zu bleiben. Im Idealfall können sie zum wöchentlichen Training am Donnerstagabend kommen, das jedem Interessierten offensteht. Den meisten bleibt jedoch nichts Anderes übrig, als alleine an ihrer Fitness zu arbeiten und auf das nächste Laufwochenende zu warten. Und eben nach Mitteln und Wegen zu suchen, ggf. doch eine eigene Lauffeder zu erhalten oder zu finanzieren.

Dabei bringt das Laufen auf Carbonfedern für Menschen mit Amputation, neben all den üblichen gesundheitlichen Vorteilen des Joggens, noch einen großen Gewinn: „Durch das Laufen hat sich auch mein Gang mit meiner normalen Prothese deutlich verbessert“, sagt Asha Noppeney stellvertretend. So geht es auch vielen anderen. Das Laufen bringt Rhythmus, Selbstsicherheit, Vertrauen in die Prothese. Das alles schlägt sich auch im Alltag nieder und sorgt für mehr Leichtigkeit im Umgang mit der eigenen Amputation.

Erst einmal aber bleibt es anstrengend. Nach dem Training am Samstag steht ein gemeinsames Abendessen an, bevor es früh ins Bett geht. Denn am Sonntag steht bereits die nächste fünfstündige Einheit auf dem Programm.

Unser nächstes Laufwochenende: 14.-15.September

Bei Interesse bitte melden bei Diana Schütz d.schuetznospam@ail-ev.de



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